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Die wachsende Bedeutung transnationaler Erwerbsbiografien und deren Auswirkungen auf die deutsche Rentenversicherung


Am 30. Januar 2013 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Migrationsbericht 2011 vorgelegt. Danach stieg von 2010 bis 2011 die Zahl der Zuzüge nach Deutschland um 20 Prozent auf 958.000 und damit auf den höchsten Stand seit 2000. Die Einführung der vollständigen Arbeitnehmerfreizügigkeit zum 1. Mai 2011, die Europäische Richtlinie zur Förderung der Migration und die schwierige wirtschaftliche Lage in einigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) sind zentrale Gründe für die hohen Zuwanderungszahlen. Deutschland wird aufgrund der demografischen Entwicklung bei stabiler wirtschaftlicher Lage wahrscheinlich in den nächsten Jahren auf den Zuzug von Fachkräften aus dem Ausland angewiesen sein. Dazu kommen immer mehr Deutsche, die dauerhaft oder für einige Zeit das Land verlassen. Viele Menschen leben und arbeiten zeitweise oder dauerhaft außerhalb ihres Geburtslands. Dieser Prozess wird auch als Transnationalisierung von Lebens- und Erwerbsbiografien bezeichnet.

Für eine wachsende Zahl von Ländern werden ausländische Versicherungszeiten in Deutschland und deutsche Versicherungszeiten im Ausland in der gesetzlichen Alterssicherung gegenseitig anerkannt. Am Jahresende 2012 waren es 50 Staaten. Seit 1998 kamen 18 Länder hinzu, mit denen die Bundesrepublik Deutschland Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen oder aufgrund von europäischen Verordnungen überstaatliche Regelungen im Sozialrecht zu berücksichtigen hat. Die transnationalen Wanderungsbewegungen und die sozialrechtliche Anerkennung von Zeiten im Ausland sprechen dafür, dass der Anteil der Versicherten und Rentenempfänger der gesetzlichen Rentenversicherung (gRV) steigt, die in ihren Biografien rentenwirksame Zeiten im Ausland zurückgelegt haben. Dieser Beitrag zeigt anhand empirischer Daten der Deutschen Rentenversicherung die Entwicklung transnationaler Erwerbsbiografien seit 1999 und gibt eine Abschätzung über die künftig zu erwartende Zahl von Rentenbeziehern mit Versicherungszeiten im Ausland (Abschnitt 3 und 4). Ergebnis ist, dass bereits heute ein substanzieller und im zeitlichen Verlauf wachsender Anteil an Rentenempfängern rentenwirksame Zeiten außerhalb Deutschlands zurückgelegt hat und dass voraussichtlich kurz- und mittelfristig die Zahl der Renten mit Auslandsbezug weiter ansteigen wird. Schließlich wird vor dem Hintergrund der empirischen Analysen diskutiert, welche Konsequenzen diese Entwicklungen für die Beurteilung und die politische Ausgestaltung einer angemessenen Alterssicherung haben.

Bevor die Analysen beginnen, werden die Wanderungen von und nach Deutschland in den letzten 60 Jahren skizziert. Diese früheren Wanderungsbewegungen bestimmen im Wesentlichen die heutige Zahl der älteren Versicherten und Rentenempfänger mit Auslandsbezug und sind deshalb wichtig für das Verständnis der aktuellen Entwicklungen beim Rentenzugang. In Abschnitt 2 wird die Datengrundlage für die empirischen Analysen vorgestellt.



Autor/en

Matthias Hauschild; Ralf K. Himmelreicher; Wolfgang Keck

Erschienen in

Zeitschrift "Deutsche Rentenversicherung", Heft 3/2013, S. 199 - 221

Schlagworte:

Migration; Fachkräfte; Ausland



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Letzte Änderung: 22.10.2013